Gottes Abenteuer – Folge 1: „Sie alter Bock, Sie Schwein“

08Apr12

[Sonniger Frühnachmittag im März. Gott und ich sitzen draußen im Cafe, das zentral im Kölner Süden gelegen ist. Gott ist ein Mann mittleren Alters. Er hat einen gut sitzenden schwarzen Kaschmir-Anzug von Dior an, das Firmen-Signum hängt noch am Ärmelknopf, unterm Sakko ein tadellos weißes Hemd von unbekanntem Stoff und ebensolcher Herkunft. Die Kellnerin hat uns soeben die Speisekarten hingelegt.]

Ich: Gott …

Gott: Ja, mein Sohn.

Ich: Wie soll ich Dich nennen? Jhwh?

Gott: [zögert] Nenn mich Vater.

Ich: Weißt du schon, was du nimmst, … Vater?

Gott: Ich kann mich nicht recht entscheiden … entweder Penne mit Filetspitzen oder das Schnitzel à la viennoise.

Ich: Seltsam, ich habe immer gedacht, wenn es überhaupt einen Gott gibt, dann ist er Veganer.

Gott: Wieso?

Ich: Keine Ahnung, hab’s geglaubt.

Gott: Da hast du dich geirrt.

[Kellnerin kommt und nimmt die Bestellung auf. Gott entscheidet sich für das Wiener Schnitzel. Als sie geht, schaut Er ihr nach und genießt den Ausblick auf die Errungenschaften der modernen Jeansindustrie.]

Ich: Vater, wieso hast du uns nie etwas von den Großeltern erzählt?

Gott: [schaut überrumpelt drein] … Das ist ein schwieriges Terrain, mein Sohn.

Ich: Haben wir irgendwas zu verbergen? Ich meine: war mein … Großvater … Nazi oder sowas in der Art?

Gott: Meine Güte, nein! – Das wäre ja noch zu verkraften gewesen.

Ich: Was könnte schlimmer sein als das?

Gott: Wer hat dir überhaupt das von meinen Eltern gesteckt?

Ich: Das ist eine lange Geschichte.

Gott: [spitzfindig] Das ist die Geschichte meiner Eltern auch, und doch fragst du.

Ich: Wir haben den ganzen Tag Zeit, und ich bin ein okayer Zuhörer.

Gott: [Nachdenklich. Starrt ein Loch in die Luft. Nein wirklich, ein echtes Loch. Ein Wurmloch von zehn Zentimetern Durchmesser, das eine Sogwirkung entfaltet, – unsere Servietten sind soeben mit einem leisen Seufzer verschwunden. Ich halte vorsichtshalber meine Sonnenbrille fest. Der Salzstreuer zittert sich bereits von der Stelle und schreibt noch schnell einen Abschiedsbrief: Geliebtes Weib, wenn du diese Zeilen liest, weile ich nicht mehr unter den Streuenden …]

Ich: [schnippe mit den Fingern in Seine Richtung] Vorsicht, das Salz brauchen wir vielleicht noch!

Gott: [wird diesseitig] O, entschuldige, das war keine Absicht. Das kommt schon mal vor, wenn ich mich vergesse.

Ich: Schon gut, ist ja nichts passiert.

[Der Salzstreuer wirft mir einen vorwurfsvollen Blick zu, ist gleichzeitig erleichtert, dass er den Brief zerknüllen und in die Tonne kloppen kann.]

Gott: Weißt du, mein Sohn, ich bin nicht der perfekte Typ für den mich alle halten.

Ich: Ach komm, jetzt übertreibe nicht! Die meisten halten dich gar nicht für perfekt.

[Die Kellnerin bringt das Essen. Als sie sich über den Tisch leicht vorbeugt, um das Besteck gerade zu rücken, greift ihr Gott mit seiner Linken an die Arschbacke bis es quietscht. Sie hüpft hoch und schaut ihn zuerst verblüfft, dann angewidert an.]

Kellnerin: [schreit] Was fällt Ihnen ein, Sie alter Bock, Sie Schwein, Sie mieser Hund, perverser Pavian, Sie …

[Sie schreit sich in Rage, eigentlich müsste längst die Feuerwehr gekommen sein, bei dem Feuerwerk an Beleidigungen, das sie seit zwei Minuten abbrennt. Doch zu meiner Überraschung merkt keiner der umsitzenden Gäste das Mord-und-Totschlag-Gezeter, als wären sie auf beiden Augen taub. Die Tatsache, dass ihr niemand zur Hilfe beispringt, das Gefühl, ganz alleine auf dieser Welt zu sein, lässt die Kellnerin in immer hysterischeren Tönen krakeelen. Ich bin perplex, fasse mich aber wieder und will vermittelnd eingreifen, um die unerträgliche Pein dieser Situation endlich zu beenden. Gott sitzt da, und scheint sich zu amüsieren. Ich schaue Ihn böse an.]

Ich: [Richtung Gott] Hast du sie noch alle?

[Als ich aufstehe, um sie zu beruhigen, erscheint ein Wurmloch, es macht ffupp, die Kellnerin verschwindet. Ich sinke zurück in meinen Stuhl.]

Ich: [blass im Gesicht wie ein gerupftes Huhn] Was hast du gemacht?

Gott: Ich habe nichts gemacht. Schau dich um, niemand hat etwas gesehen.

Ich: Ich habe es gesehen! Du hast sie wegge…ffuppt!

Gott: Sie hat genervt.

Ich: Sie hat WAS? Du hast ihr an den Arsch gefasst! Hätte sie dir vielleicht noch die andere Arschbacke hinhalten sollen?

Gott: Die meisten Tiere, die sie nannte, sind gar nicht so.

Ich: Das kannst du nicht machen!

Gott: [jovial lachend] Meinst du wirklich? DU willst MIR erzählen, was ich kann oder nicht?

Ich: Wir sind hier nicht in Walhalla, dem Himmel für Rüpel. Das läuft auf der Erde anders. Zumindest in der Südstadt.

Gott: Worauf willst du hinaus, mein Sohn?

Ich: [resignierend] Wenn du das immer noch nicht kapiert hast, dann kann ich dir auch nicht helfen.

Gott: Ich benötige aber deine Hilfe.

Ich: [die letzte Botschaft Gottes überhörend] Ist sie … tot?

Gott: Nein.

Ich: Konnte sie das überleben? Das Loch in der Luft war kleiner als sie, und beim Ffuppen hat sie sich bizarr verformt.

Gott: Ja.

Ich: Wo hast du sie hingebracht?

Gott: Sie ist in Sicherheit. Soweit von Sicherheit auf der Erde die Rede sein kann.

Ich: Wo ist sie?

Gott: Sie ist an einem Ort, an dem sie Demut lernen wird.

Ich: Jetzt sprich nicht dauernd in Rätseln, Vater, das hält ja kein Mensch aus!

Gott: Schon gut, beruhig dich wieder.

Ich: Ich werde mich nicht beruhigen bis du mich beruhigt hast!

Gott: Die Frage „wo“ sie ist, ist zu kurz gegriffen. Sie muss lauten: „Wo, wie und wann“ ist sie?

Ich: Was?

Gott: Nein, das „Was?“ muss in der Frage nicht vorkommen.

Ich: …

Gott: Sie ist im Jahre 1966. – Sie ist eine Vietnamesin, Mutter dreier Söhne und einer Tochter. Ihr Mann wurde soeben von amerikanischen Soldaten standrechtlich hingerichtet, weil sie ihn im Verdacht hatten, Vietnamese zu sein.

Ihr ältester Sohn ist siebzehn Jahre alt, er schwört allen Amerikanern Rache und geht zur kommunistischen Guerilla, wo er bereits nach zwei Wochen auf eine Mine tritt, ein Bein teilverliert, das andere ganz. Beim Verbluten hat er genügend Zeit, sich seiner dorfschönen Mutter und der Gemütlichkeit der Abende in ihrer Bambus-Behausung zu erinnern, und darüber nachzudenken, dass er seit dem Rachefeldzug nicht einen einzigen Yankee zu Gesicht bekommen hat.

Von der Tragödie des Heldentodes ihres Sohnes und Bruders erfährt die Familie ein halbes Jahr später. Woraufhin der Zweitälteste, der inzwischen fünfzehn geworden ist, beschließt, Rache zu üben. Sein Geschick verläuft genauso unästhetisch wie das seines Bruders zuvor. Nach kurzer Zeit im Dschungelcamp bekommt er eine verirrte Kugel des eigenen Kameraden in den rechten Lungenflügel, und, ohne einen einzigen Rache-Ami vorweisen zu können, ersäuft er in seinem eigenen Blut.

Ein Jahr später erfährt die Mutter vom Tod ihres zweiten Sohnes, woraufhin der dritte Rache schwört. Sein Schicksal hält auch für ihn nichts Neues bereit. Er stirbt in einer amerikanischen Folterhütte, durch die Hand eines jungen amerikanischen Soldaten, der in den Krieg gezogen ist, um für den Tod seines Vaters, der nach der Landung 1965 heldenhaft ums Leben gekommen ist (er hat aus Versehen auf eine Tretmine gekackt), Rache zu üben.

Inzwischen ist es 1968, die Tochter ist acht Jahre alt und lebt mit ihrer schweigsam gewordenen Mutter alleine in einer großen Hütte. Als eine amerikanische Einheit durchs Dorf zieht, holt das Mädchen gerade Wasser vom Brunnen. Einem Feldwebel fällt das süße Ding auf, das angestrengt einen viel zu großen Holzeimer schleppt. Er geht hin, nimmt ihr den Eimer ab, und hilft ihr bis sie zuhause sind, zum Schluss schenkt er ihr einen Kaugummi, den sie sich nach kurzem Zögern in den Mund schiebt und sofort hinunterschluckt. Der Feldwebel lacht. Sie werden Freunde. Noch am selben Abend zwingt er sie in den Büschen abseits des Dorfes. Körperlich geschunden, geistig verstört aber lebendig liefert er das Mädchen bei der besorgten Mutter ab, die längst nach ihr gesucht hatte. Er blickt der in aller Kürze um ein weiteres Jahrzehnt gealterten Frau selbstbewusst in die Augen. Scheint ihr zu bedeuten: Ist halt so, und geht. Das Mädchen wird jahrelang schweigen und bei jeder Uniform, die sie sieht, sofort weglaufen und sich verstecken, weshalb sie nie in der Stadt leben wird, weil es dort zu viele Polizisten gibt. Die Mutter wird 1988, einen Tag vor ihrem sechszigsten Geburtstag, sterben.

Ich: [schockiert] Wie kannst du ihr so etwas antun?

Gott: Was heißt hier „antun“? Es ist ein Geschenk. Viele Menschen fahren Jahr für Jahr in einen sogenannten Abenteuerurlaub, um „Erfahrungen“ zu sammeln. Ich schenke ihr die Erfahrung eines zweiten Lebens.

Ich: [zornig wie ein Gott] Tolle Erfahrung! Und tot ist sie auch.

Gott: Gar nicht wahr. Sie hat ein zweites Leben gelebt, doch für sie wird es morgen früh nur ein unangenehmer aber in lebendiger Erinnerung gebliebener Traum gewesen sein. Wenn sie am nächsten Tag in dieses Cafe kommt, wird niemand ihrer Kollegen etwas bemerken, zumindest nicht auf den ersten Blick. Dennoch wird sie in ihrem Bett in Köln Kappes oder Nippes, oder wie das bei euch heißt, als ein neuer Mensch aufgewacht sein.

Ich: Was heißt „neuer Mensch“?

Gott: Sie wird endlich wissen, was Demut bedeutet.

Ich: Wüsstest du, was Demut ist, hättest du die Arme gar nicht erst belästigt.

Gott: Ich habe sie nicht „belästigt“, ich habe sie gesegnet.

Ich: Toll hast du das gemacht. Und jetzt haben wir keine Kellnerin.

Gott: Für Ersatz ist bereits gesorgt. Ihre Kollegen denken, sie hätte wegen akuter Migräne nach Hause gehen müssen.

Ich: Mach das bitte nicht noch einmal.

Gott: Wer bist du, um mir Befehle zu erteilen?

Ich: Ich bin dein Sohn. Außerdem war es kein Befehl, sondern eine Bitte. – Warum, in Gottes Namen, hast du ihr an der Arsch gefasst?

Gott: Ehrlich gesagt, ich weiß es selbst nicht. Es erschien mir natürlich.

Ich: …?

Gott: So etwas passiert mir immer, wenn ich erst kurze Zeit im Körper eines Menschen auf Erden wandle.

Ich: Du läufst über die Straße, setzt Dich in ein Cafe, bestellst ein Schnitzel und grabschst einer armen Kellnerin an den Arsch. Das nennst du „auf Erden wandeln“?

Gott: Es steht dir nicht zu, meine Ausdrucksweise zu kritisieren.

Ich: Warum nicht?

Gott: Ich bin dein Vater. – Wie lautet mein 5. Gebot, Kind?

Ich: Du sollst deiner Kellnerin nicht an den Arsch grabschen.

Gott: [fährt verärgert hoch, setzt sich wieder hin, lässt Milde durchscheinen] Wolltest du nicht noch Fragen stellen bezüglich deiner Großeltern? Oder nach dem Sinn des Lebens? Oder immerhin nach dem Sinn deines Lebens? Ich kann dir alle Fragen beantworten. Leg los, solange ich in Laune bin.

Ich: Warum ich? Warum wendest du dich an mich?

Gott: Ich „wende“ mich nicht an dich, ich habe dich auserwählt. Da ist ein großer Bedeutungsunterschied.

Ich: Und worin liegt dieser Unterschied?

Gott: Das eine bedeutete, ich hätte dich nach dem Weg in einer mir nicht vertrauten Stadt gefragt. Das andere bedeutet: Du bist mein neuer Prophet.

[Spannungsgeschwängerte Musik]

ENDE Teil 1

[Abspann]:
Hauptrollen in alphabetischer Reihenfolge:
Stimmen in deinem Kopf
Kellnerin: Angelina Jolie

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15 Responses to “Gottes Abenteuer – Folge 1: „Sie alter Bock, Sie Schwein“”

  1. 1 phanta

    Ach du Schreck… der ist ja von der ganz niedlichen Sorte… 😀 Bin auf alle Fälle gespannt, wie du dich als Prophet machst. (und öhm… sei bloß demütig, und lass dich nicht nageln…)

    • Niedlich? Du stehst wohl auf Männer in teuren, gutsitzenden Anzügen. :mrgreen:

      …warten wir mal ab, was gott wirklich im schilde führt…

  2. 3 phanta

    Da haste Recht. So geschniegelte Lackaffen, die mir mit Schnitzel im Mund selbstherrlich in den Hintern kneifen bis es zischt, hab ich besonders gern. ;-D Leider wachsen mir bei solchen Typen immer Haare auf den Zähnen… und dann kriegen sie Angst… 😦 Die Ärzte vermuten, dass es sich um eine Allergie handelt … drum bleib ich wohl besser bei meinen langhaarigen und phantatauglichen Jesusverschnitten…

  3. 4 Emily

    Ich dachte, das Firmen-Signum wird entfernt?! 😉
    Diese Story ist so genial geschrieben! Du musst sie erlebt haben. Das kann man sich doch nicht ausdenken. ODER??? 😎

    • Ja, das Signum wird entfernt, aber das weiß Gott nicht. 😉

      Klar doch, alles erlebt, ein Tatsachenbericht! :mrgreen:

      • 6 Emily

        War klar… es KONNTE nicht anders sein!

  4. 7 Emily

    PS. Schade, den Gefällt Mir-Button kann ich nur 1x drücken….

      • 9 Emily

        😉

  5. 10 schattenzwerg

    ein godliker arschfummler … was für eine tolle daseinsberechtigung 🙂
    klasse geschireben mein lieber, da steckt ne menge arbeit drinne ❗

  6. Ah, da ist es ja endlich. Werde es heute Abend erst in Ruhe lesen, meld mich nochmal 😉

  7. 12 ein kollege

    Beschwer dich nie wieder über von mir geschickte, strange Links. Der Text ist mein Generalerlass für Alles!

    • Du schaffst es immer wieder, mir Angst zu machen, Kolleehsch!


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