Gottes Abenteuer – Folge 2: Euer Gott

08Mai12


[Immer noch im Cafe.]

Ich: Warum ich? Ich glaube nicht mal an Dich. Ich bin nicht mal katholisch.

Gott: Was gibt’s denn da zu glauben, ich sitz doch vor dir, oder nicht! – [belustigt] Warum denkt alle Welt, die Katholiken hätten einen besseren Draht zu mir als andere?

Ich: Vielleicht, weil sie es oft behaupten? Warum fällt Deine Wahl ausgerechnet auf mich? Warum nimmst du nicht einen Priester? Oder noch besser: gleich den Papst!

Gott: Welchen meinst du? Ich kenne mehrere Leute dieses Namens.

Ich: Ich meine den Papst.

Gott: [steht auf dem Schlauch] Ich habe dich schon verstanden, aber wer ist denn der Papst?

Ich: Papst Benedikt der so und sovielte, das Oberhaupt der Katholischen Kirche.

Gott: Ach so, warte mal … nein … da rührt sich nichts. Ich kenne alle Menschen nur ihrem Namen nach, nicht nach ihrem Beruf.

Ich: Der Papst ist immerhin Dein Stellvertreter auf Erden.

Gott: Ich habe einen Stellvertreter? [verlegen] Tut mir leid, das wusste ich nicht.

Ich: [sprachlos] … [ein Kellner geht vorbei] Ein Kölsch, bitte!

[Für einen Moment bin ich vom Kellner abgelenkt, weil er mich an den jungen Goethe erinnert- zumindest stelle ich mir den jungen Goethe so vor.]

Gott: Ich habe erst vor Kurzem von eurem konfessionellen Konzept erfahren. Hat mir ein Mensch mal erklärt.

Ich: Sprichst du oft mit Menschen?

Gott: Ziemlich.

Ich: Mit wem hast du zuletzt gesprochen?

Gott: Er hieß Lessing. Sein Name gefiel mir: Gotthold Ephraim Lessing. Guter Klang. Deshalb habe ich ihn auserwählt. Ich mag Namen.

Ich: Der Mann ist doch seit mindestens … Jahrhunderten tot! Das nennst du oft?

Gott: Gotthold ist tot? Kommt mir vor, als wär‘s gestern gewesen.

Ich: Du merkst nicht, wenn jemand stirbt?

Gott: [betreten] Naja, nein.

Ich: Aber es ist doch deine Aufgabe, dich zumindest der Toten anzunehmen.

Gott: Ja und nein. Ich will es dir später erklären, es ist nicht so leicht. Man muss dazu das ganze Bild sehen. – Die Sache ist mir unangenehm.

Ich: Wie war Lessing?

Gott: Aufbrausender Charakter, aber ein guter Mensch. Wir sind uns in gewisser Weise ähnlich, bis auf den guten menschlichen Teil natürlich.

Ich: Und, was hältst du von dem Konzept? [Kellner kommt mit zwei Kölsch] Ich hatte nur eins bestellt, aber ich kann jetzt auch zwei vertragen.

Kellner: Eins für Sie und eins für den Herrn. [geht.]

Gott: [zwinkert mir zu] Ich muss nicht extra „bestellen“, um zu bekommen, was ich möchte. Prost! … Das ist gar kein Konzept.

Ich: Wie meinst du das?

Gott: Was ist es für ein Konzept, die Leute einfach nach ihrer Mentalität und Neigung einzuteilen und dann zu behaupten, Gruppe A sei etwas anderes als Gruppe O? Die Menschen merken nicht, dass sie sich in nichts unterscheiden, außer bei unwichtigen Feinheiten. Es gibt kein Alpha ohne Omega.

Ich: Man kann wohl kaum Mentalität und Konfession gleichsetzen.

Gott: Doch. Die Katholiken leben in ständiger Angst. Wie die Hasen, die denken, es gäbe einen Jäger in ihrem Wald, der sie jederzeit schießen könnte. Selbst außerhalb der Jagdsaison haben sie Angst.

Ich: Und, gibt es einen Jäger?

Gott: Nein. Sie leben völlig umsonst in Angst.

Ich: Was ist mit den Evangelen?

Gott: Die Evangelen sind ruhigeren Gemüts, aber auch nicht angstfrei. Sie sind jedoch mehr von ihrer Gefallsucht getrieben. Deshalb sind sie zuverlässig und ordentlich …

Ich: Die geborenen Spießer.

Gott: Bevor das Huhn drei Mal gackert verleugnen sie mich eher als dass sie vor ihrem Nachbarn zugeben, dass sie manchmal keine Lust auf Rasenpflege haben. Den Schein zu wahren, ist ihnen wichtig wie Wasser.

Ich: Der Hahn.

Gott: Was?

Ich: Bevor der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Steht in Deiner Schrift.

Gott: Welche Schrift? Ich habe noch nie etwas geschrieben. Wenn ich recht darüber nachdenke, ich kann gar nicht schreiben.

Ich: Die Bibel. Neues Testament.

Gott: Ach so, kenne ich. Hab ich aber nicht gelesen.

Ich: Du scheinst die Christen nicht sonderlich wahrzunehmen. Offenbar stimmt es, dass Juden Deine eigentliche Leidenschaft sind.

Gott: Wer behauptet denn so was?

Ich: Alle Welt, und die Juden natürlich.

Gott: Wie kommt alle Welt darauf?

Ich: Steht in der Bibel.

Gott: O, da kann ich leider nicht mitreden.

Ich: Was ist mit den Muslimen?

Gott: Sind es diese Mohammedaner?

Ich: Ja.

Gott: Ich habe Mohammed mal getroffen. Ein komischer Uhu. Eine Mischung aus katholischer Angst und evangelischer Spießigkeit, und auf Arithmetik versessen wie ein Jude. Die reinste Symbiose aus den Dreien.

Ich: Arithmetik?

Gott: Du weißt schon, Zahlen. So und so oft musst du dies machen und so und so oft jenes. Die Summe aller Taten soll am Ende des Lebens hundert Jungfrauen im Paradies ergeben.

Ich: Und, geht die Rechnung auf?

Gott: Nein.

Ich: Warum nicht?

Gott: Woher soll man hundert Frauen auf einen Mann nehmen? Das biologische Verhältnis von Frau und Mann ist ungefähr fifty-fifty. Es war noch nie 1 zu 100. Und diese sollen auch noch Jungfrauen sein? – Unter uns gesagt, ich habe keine Ahnung, ob es Jungfrauen im Paradies gibt. Denkst du, ich schau jedes Mal nach?

Ich: Weiß nicht, ich kann Dich nicht einschätzen.

Gott: Selbst, wenn es die Jungfrauen in geforderter Menge gäbe, warum sollten sie sich zu hundert für denselben Mann entscheiden?

Ich: Vielleicht, weil Du es so willst?

Gott: Warum sollte ich das wollen?

Ich: Weil es dir gefällig ist?

Gott: Es ist mir egal. Die Genitalien der Leute gehören nicht zu den Fragen meines Daseins.

Ich: Was ist mit Buddhisten?

Gott: Worauf willst du hinaus? Das sind Leute wie alle anderen Menschen auch. Mentalitäten, darauf kommt es mir nicht an.

Ich: Du hast gesagt, Konfessionen sind Mentalitäten. Buddhismus ist keine Konfession.

Gott: Wirklich? Ich nahm an, es sei alles dasselbe nur in anderer Farbe.

Ich: Heißt das, sie haben alle Recht?

Gott: Womit haben sie Recht?

Ich: Ich will auf die Frage hinaus, welche Religion die richtige ist.

Gott: O, das ist leicht zu beantworten.

Ich: … Und?

Gott: Keine.

Ich: Das habe ich mir schon gedacht.

Gott: Soso, hast du das? Aber mit dieser Annahme liegst du falsch.

Ich: Ich habe doch nur gesagt, was du gesagt hast. Wie kann ich beim Dir-Recht-Geben Unrecht haben?

Gott: Ganz einfach. Wir benutzen dieselben Worte aber wir sprechen nicht dieselbe Sprache.

Ich: Was ist denn das schon wieder, magische Debilität?

Gott: Die Worte, die für uns einen Gleichklang bilden, haben für dich eine andere Bedeutung als für mich. Deshalb kann ich Recht haben, wenn ich etwas sage und du Unrecht, wenn du meine Worte wiederholst. Verstanden?

Ich: Nein.

Gott: Es wird Zeit, dass du anfängst zu verstehen. Komm, wir besuchen das Paradies.

ENDE Folge 2

[Abspann]:
Hauptrollen in alphabetischer Reihenfolge:
Stimmen in Deinem Fuß
Kellner: Johann Wolfgang von Goethe


Gottes Abenteuer Folge 1: “Sie alter Bock, Sie Schwein

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11 Responses to “Gottes Abenteuer – Folge 2: Euer Gott”

  1. Diese Folge widme ich meinem Kollegen namens „ein Kollege“, weil er ein grantiger Kauz ist aber liebenswert und gutaussehend dazu.

  2. 2 Gottzefix Hallejulia

    Ui, da ist die Fortsetzung ja! Glaubstes, da möcht ich SOFORT weiterlesen… Apropos, das mit den rasenmähenden Evangelen und dem Hahn… Deja-vu: das gleiche Thema hatte ich gestern Nacht… 🙂 Wir spekulierten darüber, ob solche Zeitgenossen vielleicht Außerirdische sind und wir beschlossen, uns langsam aber sicher doch davor zu fürchten … aber nach deinem Gespräch mit Gott kann ich aufatmen. Diese skurrile Rasenfixiertheit ist also doch religiös-menschlicher Natur. 😉

  3. 3 ein kollege

    bin stolz wie bolle ob dieser nettigkeit!

  4. 4 schattenzwerg

    mein Favorit:

    Ich: Ich habe doch nur gesagt, was du gesagt hast. Wie kann ich beim Dir-Recht-Geben Unrecht haben?

    Gott: Ganz einfach. Wir benutzen dieselben Worte aber wir sprechen nicht dieselbe Sprache.

    Du bist ein Aufmerksamer Beobachter mein Lieber 🙂
    toll geschrieben

  5. Allerdings toll geschrieben, bitte schon bald mehr davon!! Hehe, magische Debilität, sehr schön 😉

  6. 6 Emily

    Ich habe schon dringend auf die Fortsetzung gewartet. Danke dafür! Genial, mein Lieber. Jede einzelne Zeile! Diese Story muss man einfach mehrmals lesen und genießen :mrgreen: !!

  7. Wie cool! Danke euch für euren Zuspruch, der große Motivation für meine Fortsetzungspläne gibt. 🙂

    • 8 Emily

      Wie? Die sind noch nicht fertig???

      • Schon, muss nur noch ausm Kopf rasugeholt werden.

  8. 10 Phanta

    Ehre, wem Ehre gebührt!


  1. 1 Gottes Abenteuer – Folge 3: Vorhimmel « Wirrwahre Wirrklichkeit

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