Amsterdam, hübsche Maid

30Mai12

Nein, Maid kannst du kaum sein. Wird doch das Wort mit Jungfrau synonymisiert. Da du schon Tausend Jahre alt bist, gehe ich davon aus, dass du mindestens drei Mal verheiratet gewesen bist.

windschiefe fassade amsterdam

Dennoch wirkst du frisch wie ein Maidlein. Oder verwechsel ich „frisch“ mit „erfrischend“? Was für ein gutes Gefühl du geben kannst, mit all deinen entspannten Restaurantbetreibern und Bootsbesitzern, von denen die meisten beides zugleich zu sein scheinen. – Was war ich arrogant zuvor; ach, dachte ich, wird schon nicht so schön sein, ist doch nur Holland. Pustekeks, Amsterdam ist schöner als Holland und Aachen zusammen.

Ich möchte dich nicht wortreich in den Himmel heben, schöne Amstelmaid, das haben andere bereits in besserer Qualität besorgt. Aber das muss jemand jemandem sagen: Ich habe nie zuvor eine Stadt erlebt, in der die Radfahrer einen Sieg über andere Verkehrsteilnhemer davongetragen haben, der so total ist wie bei dir. Das muss man als Fußgänger akzeptieren, dann läuft der Rest von alleine.

 kanalcafe amsterdam

Wie der Zufall manchmal will, steh ich nach dem Einchecken am Fahrstuhl, und eine Truppe junger Männer in kurzen Hosen gesellt sich zu mir. Zuerst denke ich an sexuelle Belästigung von Hotelgästen durch wohldefinierte und schwachbehaarte Männerwaden. Dann schau ich hoch und seh den ebenso schwach behaarten Kopf von Arjen Robben, daneben der Geheimratseckenbesitzer Dirk Kuijt, links von mir der zu kurz geratene Sneijder, dann die langen Stekelenburg und Huntelaar, der irgendwo mit einem blauen Auge davongekommen ist, wie sein linkes Auge verrät. – Wir steigen ein, fahren hoch. Ich bemühe mich, meine Begeisterung über das überraschend enge Zusammensein mit Menschen, die ich als Fußballfreund sehr schätze, zu verbergen. (Am liebsten hätte ich Robben in den Arm genommen und ob des verlorenen Finales nach aller Regel der Kunst getröstet.) Auch sie bemühten sich, sich nicht anmerken zu lassen, dass sie merkten, dass ich mir nichts anmerken ließ. Als ich eine Etage tiefer aussteige, sage ich ein weltmännisches „Tschau“ in die Runde und die Runde beantwortet mit verschmitztem Lächeln ebendieses. Fast tat es mir leid, dass sie dann am Abend gegen Bulgarien mit 1:2 verloren haben.
holländische nationalmannschaft robben

Aber nein, dies war nicht der Grund, warum Amsterdam im Amstelland mich bannt. Erlebnisse gab es haufenweise, die schöner waren als das mit ner handvoll Männern im Fahrstuhl. z.B. die Restaurantbesitzerin, die uns mangels Sitzplätzen vor dem Restaurant kurzerhand auf ihr Boot gelotst hat. „Ihr könnt da sitzen, ist mein Boot“, so oder so ähnlich ihre Worte. Da lässt man sich nicht zwei Mal bitten. Nach zehn Minuten kommt sie wieder: „Leider benötigt mein Mann jetzt das Boot, das habe ich vorhin nicht gewusst, tut mir leid.“ Der Mann kommt, „Leider muss ich jetzt los“, sagt er bedauernd, und fügt hinzu: „oder wollt Ihr mitfahren?“. Auch beim zweiten Mal ließen wir uns nicht zwei Mal bitten und bezahlten schnell das Essen, um abreisebereit zu sein. Da die Teller noch nicht leer gewesen sind, durften wir sie mitnehmen.

Nach einer 30 minütigen Fahrt, auf der wir ohne viel zu reden Restaurantfutter gepicknickt haben, kommen wir an einem Park an, wo die Familie ein zweites Restaurant betreibt, wir lassen die Teller im Boot und erkunden den Park. – Was für Menschen, kommt her, ich möchte euch küssen!

grillweiden

Man beachte die beiden Grillweiden im Park.

Und dann die Sache mit den Bettlerbanden. Kommt man in Brüssel an, folgen einem neuerdings Kinder vom Bahnhof bis ins Hotel, die ohne Unterlass ihr „Monsieur, manger! Merci!“ abspulen, während ihnen die Eltern in sicherem Abstand folgen. Desgleichen in Straßburg, Berlin, Köln etc. (wenn auch nicht immer Kinder involviert sind). Nicht so in Amsterdam. Nicht einen Bettler in der ganzen großen Stadt. Und ich habe sie kreuz und quer durchwandert. Wie machen die das?

Ich glaube, dem schattenzwerg war der Umstand der Bettlerlosigkeit ebenfalls nach der Amsterdamreise erinnerlich geblieben. Seinen Reisebericht noch im Kopf, finde ich den Link nicht mehr. Entweder hat er den Beitrag gelöscht oder ich habs doch woanders gelesen.

Ich bin so ein Plapperstorch. Wollte bloß vier Bilder mehr oder minder wortlos posten, und verquatsch mich mit dir, Amsterdam, hübsche Maid.

müll im boot

Ende

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11 Responses to “Amsterdam, hübsche Maid”

  1. 1 Phantamsterdammisch

    Wie schön und mitreißend du doch schwelgen kannst! 🙂 Tja, da haste also meine Lieblingsstadt entdeckt. Ich fahr da Anfang Juli wieder hin, um endlich die dort lebende Familie meines künftigen Schwiegersohns kennen zu lernen. Schluck. Sie meinen es tatsächlich ernst. Aber mal abgesehen davon, dass ich das blöde finde, kann ich mir im Rundumpaket keinen besseren Mann für mein Baby vorstellen. Ach ja: Mit dem bildschönen ZweiMeterlangemmichzurOmamachenwoller spiele ich gelegentlich Fußball. Und obwohl er extrem sportlich ist, schafft er es ums Verrecken nicht, bei mir ein Tor zu schießen. Jeden Ball hab ich bisher abgefangen. Wies kommt? Ich hab ihm von Anfang an mit Pokerface gesagt, dass er keine Chance hat… das nennt man Pschüchologie… 😀 Da siehste mal, dass du Recht hast: Amsterdammer sind wirklich totaaaal liebe und gute Menschen. 😉

    • Niemals würde es der Schwiegerknilch, da noch nicht -sohn, es wagen, der Mutter seiner Anverlobten ein Tor anzutun! – Guter Junge.

      Anderereits, Holländer sind eher schlecht im Fußball, vielleicht liegts daran. Und an deiner Pschüchologie natürlich. :mrgreen:

      • 3 Phantamsterdammisch

        Hehe, für dich gültet das Gleiche! Ich fang jeden Ball durch mentalen Magnetismus, auch von Deutschen! Ich brauch nur rumstehen, kann dabei gleichzeitig telefonieren, Fingernägel säubern, rauchen, den Boden schrubben und in der Nase bohren… der Ball fliegt mir immer in die Arme oder prallt an mir ab. So, da staunste, wa? Aber so charmante Schwiegerverlobte, mit diesem niedlichen holländischen Akzent pschüchologüsch fertig zu machen, is natürlich besonders erquickend… 🙂 Frage: Wär er nicht geradezu brillant, wenn er das absichtlich machen würde? Ich mein seine 100%ige Trefferquote, obwohl ich schlank bin…

      • Sahrick doch, das ist brillant. 🙂

  2. 5 Phantamsterdammisch

    Hm… 😦 …andererseits, wenn du Recht hast: Wie süß von ihm! Dabei hab ich mich gelegentlich auch soooo ins Zeug gelegt… bin sogar schon mehrmals voll im Matsch gelandet, nur weil ich von einer Seite des Tors zum anderen geflogen bin, um den Ball zu fangen… hihi, aber ich bekam ihn immer! Ich werds, wenn wir ans Meer fahren, testen. Da werd ich ala Völkerball absichtlich ausweichen und ihn gewinnen lassen. Und wenn er mich dann trotzdem trifft, ist es sein Karma, bzw. mein unfassbar brillanter mentaler Willens-Magnetismus. Basta! 😉

  3. 6 spanksen

    Ich glaube, in den kurzen Minuten in denen ich nüchtern war hab ich auch kurz diesen Teil von Amsterdam wargenommen…ansonsten kenne ich wohl leider nur den Red-Light-District, deshalb danke für deine Impressionen 😉

    • Och, ich sage nicht, dass ich dort nur Wanderurlaub gemacht hab. 😉
      Aber bitte, gerne!

  4. 8 Emily

    Amsterdam ist soooooooooooooo nett. Da muss ich dringend mal wieder hin! Du hast mich dringend daran erinnert. Danke dir dafür. Die Fußballjungs hätte ich vermutlich debil angelächelt, weil ich nicht gewusst hätte, wer da tatsächlich neben mir steht. Ich kriege solche Begegnungen irgendwie immer nicht mit. Und dabei habe ich den Kalli (!) beinahe mal umgerannt. Er hätte mich vermutlich nicht einmal gespürt!
    Pustekeks gefällt mir 😎

    • Ach was, den Kalli haust du um wie nix! *roflcopter*

  5. 10 schattenzwerg

    hui mein lieber, ahhh bist du sehr aufmerksam … glaub mir, ich weiss auch nicht mehr wo ich den umstand der bettlerlosigkeit gepostet habe (zumal das ein eindruck meiner frau war, nicht mal mein eigener ^^)

    aber dein reisebericht ist toll und so gelesen das ich sagen möchte, mach weiter, schreib ein reisebericht, den wollen sicher viele menschen genau so lesen !

    • merci! – und einen schönen gruß an die zwergenfrau im zwergenbau!


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