Das Jahr fängt ja gut an

30Jan13

Sie hassen meinesgleichen, weil sie uns anbetteln müssen. Verlorene Existenzen, brabbelnde Restintelligenzen. Um 18 Uhr vor den Supermärkten wankend, sagen sie feist über mich und ähnliches Volk: Da kommen sie aus ihren Löchern gekrochen. – Beim lauten Denken dieses Inhalts habe ich unlängst einen erwischt als ich mich ihm unbemerkt genähert hatte.

Sie meinen damit, es sei eine neue Feierabendwelle im Anmarsch, in die sie ihre Angelrute auswerfen, die Schnur unbeködert mit nacktem Widerhaken bewehrt. Sich allein auf die Masse der Zappelfische und ihr Unglück verlassend.

Ebensowenig wie es den Edlen Wilden jemals gegeben hat, gibt es den dankbaren Almosenempfänger. Der Reiche denkt, der Reichtum stünde ihm zu, der Bettler denkt, das Almosen stünde ihm zu. Und so denkt jeder dasgleiche, und unterstellt dabei dem anderen doch, aus einer anderen Welt zu sein.

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8 Responses to “Das Jahr fängt ja gut an”

  1. 1 Groschenmarie

    Im Prinzip ist es immer ein und die gleiche Soße. Der Homo sapiens-lol rechtfertigt seine Existenz, indem er den anderen, der eben anders ist, erniedrigt oder schlecht macht. Was mich immer etwas wundert: Meinesgleichen wird auch immer und ständig angebettelt. Erstaunlich ist das insofern, weil ich zu den Reichen gehöre, denen man es garantiert nicht an Äußerlichkeiten, sondern nur an der inneren Zufriedenheit ansehen kann. Dass das ausgenutzt wird, nehm ich allerdings nicht krumm. Mein Leitspruch: hier, da kriegste was. Dank mir nicht, sondern hilf auch du echt Bedürftigen, wann immer du kannst. Da fällt gelegentlich ein Groschen im doppelten Sinn. Und Reiche… mannomann… die irritiere ich, weil ich etwas habe, das sie nicht kaufen können. Ich sach nur: Arme Würstchen!

    • Lol!

      Die Bettler, die ich im Sinn habe, sind Verlorene im Suff und anderen Drogen, da zählt in der Regel nichts weiter außer einem Groschen. Innere Güter, die man mit dem Groschen mitgibt, sind nerviger Ballast für die.
      Ich gebe, sooft ich es für sinnvoll halte, Groschen, aber wenn du mit einem angewiderten „Da kommen sie aus ihren Löchern gekrochen“ konfrontiert wirst, überlegst du vllt. evtl. mglw. 20 Mal, ob du Lust hast, bei diesem Spielchen mitzumachen.

      • 3 Groschenmarie

        Ich bin eigentlich überzeugt davon, dass auch du ein sehr feinsinniges Gespür dafür hast, wer wirklich Hilfe braucht, und wer ein Schmarotzer ist. Unverschämtheit belohnen, kommt auch bei mir nicht in die Tüte. Aber derzeit wird pauschal gegen Obdachlose mobil gemacht, und darum steuere ich etwas dagegen. Wir haben nun mal ein Wohlstandgefälle auf der Welt, das viele auch völlig Unschuldige in existenzielle Bedrohung bringt. Ich kriegs immer öfter bei alten Leuten mit, die an der Kasse ihre Cents abzählen, und das Brot nicht zahlen können. Ein Blick und ich zahls lieber mit, als wissend um die Not wegzuschauen. Weißt du warum? Weil ich, wenn ich mal in Not sein sollte, mir wünschen würde, dass mir auch jemand hilft. So einfach.

      • Ich verstehe vollkommen, was du meinst, liebe Markmarie! (Ich habe dich soeben befördert, du bist jetzt meine Hauptdiskutantin und bekommst mehr Geld im Namen.)

        Und doch habe ich nicht mitbekommen, dass derzeit mehr als üblich gegen die Obdachlosen und die Armen gehetzt wird. Aber schließe es nicht aus, dass es regionale Unterschiede geben kann bei der Hetzintensität.

        Von den Obdachlosen und den Armen im allgemeinen spreche ich nicht, wie du dir bereits gedacht hast. Es gibt in zentralen Lagen von Köln einige Standorte, wo sich die Junkies und Alkis, mal in Zwie-, mal in Eintracht zu Gruppen vereinen und die Tage damit verbringen, sich abzuschießen (was ich für legitm halte) und ihre Diskussionen lautstark auszutragen (was ich für illegitim halte). Im Großen und Ganzen sind es mittlerweile mir bekannte Gesichter, weil ich sie fast jeden Tag sehe, unsre Wege kreuzen sich ständig, da ich zentral wohne und arbeite. Ich fühle mich von denen weder bedroht, noch beleidigen sie mein Auge, noch finde ich, dass sie stinken. Mit einem Wort: Ich habe nichts gegen sie. (Ausnahmen sind Momente ihrer Agression unter einander [Beziehungsstress z.B., politische Diskussionen auf dem Niveau von Dreijährigen, oder mit Fäusten ausgetragene Debatten über die Kantsche Erkenntnistheorie.])

        Aus dieser Gruppe lösen sich hin und wieder Einzelne, um vor den umliegenden Supermärkten zu arbeiten. Diese Arbeit hassen sie, und darum hassen sie ihre Kunden, oder umgekehrt. Bei diesem Hassen habe ich einen Vertreter der Zunft inflagranti erwischt. Wir sahen uns kurz in die Augen. Ich habe ihn ungerührt angeschaut, weil ich zeigen wollte, dass ich mich von seinem laut vorgetragenen Gedanken angesprochen gefühlt habe. Er hat mich angestarrt aus Überraschung, leicht entsetzt sein Blick. Immerhin.

  2. 5 Groschenmarie

    Danke für die Beförderung, und dass du mich nicht zur Euromarie erniedrigt hast. 😀 Das wäre hart. Also ich krieg schon ziemlich krass mit, dass die Gesellschaft kälter wird in dem Maße, wie sie sich auch spaltet. Das Problem sind die organisierten Bettlerbanden. Deswegen wird ständig aufgerufen, nichts mehr zu geben. Das Problem ist aber, dass keiner im Winter auf der Straße überleben kann von dem bisschen Tagesgeld. Noch schlimmer: immer mehr Menschen auch aus verarmten EU-Staaten sind aus reinem Überlebenswillen hier hergekommen und verhungern und erfrieren defakto, wenn sie gerade im Winter nicht betteln. Die vermehrten Aufrufe, nichts zu geben, machen ja auch für bestimmte organisierte Gruppen Sinn. Menschenhandel der zweitübelsten Sorte nach Sexsklavenhandel. Organisiertes Verbrechen fördern, ist verkehrt. Aber dann dürfte kein Mann mehr zu Prostituierten gehen und diejenigen, die wirklich ums nackte Überleben betteln, müssten in der Konsequenz verrecken. Ich halte mehr davon, Obdachlosenorganisationen zu unterstützen, Armenküchen überall auszubauen und gerade ältere Obdachlose nicht erst ab 20 Uhr oder sogar erst um Mitternacht ein Bettenlager zu gewähren, falls noch ein Plätzchen frei ist. Das heißt dann aber, dass sie es um sechs oder spätestens acht Uhr morgens wieder verlassen müssen, was eh kranke, kaputte Menschen besonders hart trifft. Solche Unterkünfte kosten übrigens auch was… eigentlich ist es Aufgabe des Staates, jedem das Menschenrecht auf Hygiene, ein Nachtlager und das Notwendige zum Essen zu gewähren. Grundrecht auf Leben. Leider aber ist das bestenfalls für Deutsche so, die nicht bei der Arge gesperrt sind, weil sie auf der Straße ohne Uhr einen Termin verpasst haben… Alles hat mehrere Gesichter. Und dass die, die ganz unten sind, noch Wut haben, wundert mich persönlich nicht. Darunter sind viele, die mal ein ganz normales bürgerliches Leben gelebt haben und dann im freien Fall auf der Straße landeten. Trauriger finde ich, dass immer mehr resignieren und nicht mehr die Kraft haben, für sich zu kämpfen. Das tragischte Gesicht der Armut…
    Wie heißt es so schön: urteile nie über jemanden, in dessen Haut du nicht gesteckt hast. Das gilt für jeden von uns. Wir finden Frieden nur, wenn wir unser eigenes Ego nicht so wichtig nehmen und dankbar sind, dass wir auch Glück hatten, statt uns über die Unglücklichen zu erheben. Und das hast du hiermit auch nicht getan. Du hast nur auch die andere Seite der Medaille beleuchtet, und das zurecht, mein Lieber. Aber du kennst mich doch… ich kann einfach nicht aus meiner Beschützerrolle raus…

  3. 6 dein kollege

    war die loge doch so scheisse?

    • Ja, zu viele Penner, die aus der Nähe zugucken durften.

  4. 8 Emily

    Und so entlocken die Menschen der Gesellschaft das, woran es ihnen mangelt. Jeder auf seine Weise. Viele sind es sicher nicht gewohnt, dass sich jemand Gedanken darüber macht. Ein trauriges Zeugnis. Dieser Mangel hier lässt sich (zur Not) mit Euronen beheben. Was ist mit denen, die null Sozialkompetenz haben, dafür stets auf der Suche nach ihrem eigenen Vorteil sind? Es gibt sie überall. Hier und da.
    Laß‘ die Ohren nicht hängen!


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