Tat und Gedanke

22Feb13

Oft lässt man seinen Gedanken keine Taten folgen. Man will endlich eine neue Matratze kaufen oder noch einen Handtuchhalter im Bad installieren, die Putzfrau feuern, um eine bessere zu suchen, schließlich will man wandern, weit weg über die Grenze, rübermachen nach Frankfurt/Oder oder nach Zürich, Hauptsache weg aus Deutschland. Doch Gedanke und Tat sind sich uneins.

Man denkt und denkt und es tutet sich nichts, wie bei einer toten Telefonleitung. Weil die Arbeit wichtig erscheint, weil man denkt, ohne Arbeit ist man in seiner Existenz bedroht. Man ist es nicht gewohnt, sich frei zu denken. Montage riechen komisch, wenn man nicht auf der Arbeit ist. Montags ist Ruhe in deinem Mietshaus, du bist der einzige, der zuhause ist, du hörst die unvorhandenen Geräusche, du riechst die Stille im Treppenhaus (niemand hat gekocht, niemand hat beim Hochgehen gefurzt), auf der Couch liegend und verkrampft chillend, spürst du mit den Körperhärchen den Montag, an dem alle außer dir arbeiten.

Ich habe in vielerlei Hinsicht Angst vor Montagen. Überragend oft haben sich meine Ängste als töricht erwiesen. Der Nachbar, dem du die Bohrmaschine ausgeliehen hast, auf deren Rückkehr du seit vier Wochen wartest, behält sie nicht, weil er dich hasst. Meistens ist er einfach nur tot umgefallen, ohne jemals ein Loch gebohrt zu haben. Und du machst dir Gedanken darüber, was du falsch gemacht haben könntest. Unnötig.

Ich stelle mir vor: Anfangs fürchtet man sich vor freien Montagen, danach gewöhnt sich der Körper allmählich an sie, die Verkrampfung weicht der Entspannung, aus Unwohlsein wird Genuss, wie beim Einsteigen ins heiße Bad. Man darf nur nicht vergessen, zunächst die Hand auf die Hoden zu legen, diese gewöhnen sich als letzte an die Hitze des Montags.

Das rede ich mir ein, um die Furcht loszuwerden. Nimm die Hoden in die Hand und renn, renn wie ein Wildpferd durch die Steppe, friss Gras, rülps Gras, kack Gras, rauch Gras; in fünfzig Jahren wird es niemanden interessieren, ob du jemals gewesen bist. Der komische Geruch des Montags kommt bloß aus der Nachbarwohnung. Du brauchst nur die betreteten Pfade zu verlassen, um frische Luft zu schnappen. Um frische Lust zu schnappen.

Jeden Montag liege ich nach dem Wäckerklingeln wach im Bett, starre kraftlos an die mit hübschem Stuck verzierte Decke, denke an die Pferde in der Steppe, mobilisiere die Kraftreservenreserven und stehe auf, um zur Arbeit zu gehen.

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9 Responses to “Tat und Gedanke”

  1. 1 Grasfan

    Langsam, aber nur langsam mach ich mir Sorgen um dich… jeder Post wird etwas winteriger. Da hilft wohl auch die Zellkur nicht wirklich. Weißte was: du solltest schleunigst ein paar Kinder zeugen. Die wecken dich dann Montags schon um drei, und bis du sie so zusammengefaltet hast, dass sie endlich Ruhe geben, klingelt bereits dein Wecker. Ist zwar auch Mist, aber deine Enkel werden sich wenigstens in 50 Jahren fragen, woher, verdammte Kacke, hab ich so empfindliche Hoden? 😉

    • Ich gestehe, mein Familiensinn ist zu kurz gekommen. Einen eigengenetischen Nachwuchs zu zeugen und zu ziehen, kann ich mir nicht vorstellen. Höchstens mieten, ich meine: adoptieren, und wenn, dann ab Altersstufe 12 aufwärts. Ich bin sicher, ich verpasse viele Freuden der Elternschaft, andererseits verpasse ich auch viele Sorgen der Elternschaft. Und damit der Enkel meiner gedenkt, der Hoden wegen oder sonstwie, spielt keine große Rolle. Das wäre ein Aufschwub, sonst nichts. Spätestens der Enkel des Enkels wird sich für die Hoden anderer interessieren, nicht für meine.

      Ob du dich um mich sorgen musst, denke ich: noch nicht. Dieses Jahr hatte wenig berufliche Freuden für mich parat, um nicht zu sagen, gar keine. Bin derzeit etwas im Zweifel, ob ich mir den Scheiß noch antun soll. – Wenn ich mit 40 immer noch nicht in Rente bin, erlaube ich dir, mich zu erschießen. (Noch drei Jahre, dann wird sich zeigen, ob ich loslassen kann.)

      • 3 Grasfan

        Tut mir Leid, ich würde dir ja aus Freundschaft beim insGrasbeißen helfen, aber wenn ich lese „Rente mit 40“, muss ich mich jetzt leider erst mal selbst erschießen. 😀

      • Man jammert auf hohem Niveau zwar. Aber es darf die Frage gestellt werden, ob jemand, der bei guter Versorgung, Gesundheit, genügend sozialen Kontakten, einigermaßen bei Verstand etc. pp., sich nicht elend fühlen darf? – Was meinst du?

      • 5 Grasfan

        Natürlich. Nach der Bedürfnispyramide ist es sogar ganz logisch, dass sich, wenn man bereits eine bestimmte Ebene des irdischen Nichtmangels erreicht hat, die seelischen Defizite so richtig geballt auftun. Dieses angebliche Jammern auf hohem Niveau ist keineswegs so banal, wie der ansonsten Defizitäre es vielleicht glauben mag. Seelischer Schmerz ist keineswegs weniger schlimm, als körperlicher. (Ich weiß, wovon ich spreche). Lies mal ein paar Biographien von sogenannten sehr erfolgreichen und großartigen Menschen. Die sind alle durch tiefstes Tal gewandert, um sich letztlich selbst aus ihrem irdischen Korsett zu befreien. Sind sie von Natur aus begünstigt und haben weltliche Schätze angesammelt, die andere ein Leben lang nur begehren, tut sich, sofern man nicht der Krankheit Gier verfallen ist, geradezu zwangsläufig eine große Leere auf. Dieses nach Mehr streben, liegt in der Natur der Seele. Manche finden ihr Seelenheil, indem sie viel Gutes tun, manche in der Verbundenheit zur reinen Natur, manche wiederum suchen in spiritueller Selbstfindung ihr Seelenheil oder in der verzweifelten Suche nach der wahren Liebe, bei der es letztlich immer num Selbstliebe geht. Aber wer glaubt, Glück einfach kaufen zu können, liegt definitiv falsch. Ich habe sehr viele Menschen in meinem Leben auf sehr tiefer Ebene kennengelernt, und ich kann dir sagen, dass die, die mit dem angeblich gepachteten Glück oft die Unglücklichsten waren. Langes Thema… dieser Spruch „auf hohem Niveau jammern“, ist umso gemeiner, als man selbst nicht versteht, warum man nicht zufrieden ist, obwohls einem doch vergleichsweise gut gehen müsste… Das ist, wie wenn du körperlich brutalste Schmerzen hast, und der Arzt sagt: Das bilden Sie sich bloß ein. Seelischer Schmerz ist niemals unberechtigt. Es zeigt dir einfach, dass dein Schuh zu klein ist, und du vom Tellerrand vielleicht doch mal ins Meer springen solltest… Und noch was: Wir sind keine Insel. Ein sensibler Mensch kann gar nicht so egoistisch sein, dass er nur sich selber sieht, und ihm Wurst ist, wie es anderen geht. Wir sind alle mit allem verbunden. Wo Licht ist, ist Schatten, und wo Schatten ist, ist Licht. Im Endeffekt aber, ist Schmerz Schmerz, egal wo er ist…

      • S’ist schön, was du sagst.

  2. 7 Emily

    Ich nehme mir an Montagen eigentlich nie frei. Einen Freitag finde ich spitze, so komme ich bestens ins Wochenende. Aber ein Montag ist in der Tat ein seltsamer Tag. Du steckst zwischen Geschäftigkeit und totaler Abspannung. Zwischen Hirnschmalz & Hirn(kurz)schluss. Mir würde es schon reichen, über eine grasgrüne Blumenwiese zu laufen… und wenn mir die Puste ausgeht, lasse ich mich einfach fallen und von der Sonne kitzeln.
    Ist es nicht schön, dass man träumen kann? Auch dann, wenn es ein Montag ist!

    • Über Wiesen zu laufen finde ich auch schön, am liebsten über verschneite. Dann zurück ins heimelige Heim, Feuer angefacht und die Gemütlichkeit über sich kommen lassen. Davon träume ich, am intensivsten montagsfrüh nach dem Klingeln des Weckers.

      • 9 Emily

        Siehst du, träumen ist manchmal auch eine seelische Krücke 😎


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