Hippende Menschen

05Jun13

Es handelt sich um überall vorhandene Menschen. Sie sind unter uns, manchmal denken sie, sie seien über uns. Ich spreche wahrheitsgemäß, sie sind in Massen vorhanden, ähneln sich wie ein Hoden dem anderen, sie kommen praktisch in allen geographischen Winkeln Deutschlands vor, es ist geradezu eines ihrer Wesensmerkmale, dass man sich ihnen nicht entziehen kann – die Rede ist von Individualisten.

Um es zu präzisieren: ich spreche von den hippen Individualisten. (Es sind darunter ausdrücklich nicht sog. Hipster zu verstehen; diese werden als leicht auszumachende Modeopfer von den hippenden Menschen belächelt, vielleicht, weil sie sich in vielem ähneln.) Der hippe Individualist unterscheidet sich von einem „nur Individualisten“ dadurch, dass er gerne hippt, und zwar gemeinsam mit allen anderen seiner Art. Gegenseitig kraulen sie sich ihre gequetschten Röhrenjeanseier, auch die Frauen unter den Hippern haben Röhrenjeanseier, die gekrault werden möchten.

Am einfachsten erkennt man diesen Individualisten an seiner grundsätzlichen Umweltfreundlichkeit und seinen Instagram-Bildern. Nichts gegen Portraits seines Frühstücks, selbst Mittagessen ist fein. – Auch gegen Insagram nichts. – Aber was sind das für Motive?

– Nutellabrötchen – weil Nutella Kult ist! Alles, womit sie als Kind vom Fernsehen ergezogen worden sind, halten sie für Kult.

– Maggi-Tüten-Suppen zu Mittag – mit ironischem Augenzwinkern serviert, weil, meine Güte, Tütensuppe, vastehste! Aber immerhin von Maggi, weil, „man hat zwar kein Geld“, aber gar keins auch wieder nicht. Der hippende Individualist ist unpolitisch aber markenbewusst.

– Zum Abendbrot (austauschbar mit Frühstücksbildern) kommen Bilder von Bärchenwurstschwarzbroten, mit Schnittlauch garniert, im Hintergrund, leicht verschwommen aber gut erkennbar, Philadelphia-Schmiere oder irgendwas von Gutfried, auf den Tisch. Bärchenwurst, weil sie einem als Kind schon von der Metzgereiverkäuferin in die Hand gedrückt worden ist, auf dass man es sich in eine Körperöffnung schiebe. Man ist zwar 30 Jahre alt, plus/minus 10, aber man wird doch wohl noch ironisch zuabend essen dürfen.

Wenn nur jemand die Augen einer Ratte äße und ein Bild davon machte. Den grauen Nager auf seinem Teller liegend, der Nacktschwanz über den Tellerrand lugend, das wäre Instagram wert. Stattdessen fressen sie das Rattenfleisch in Form stilisierter Bären, deren Öhrchen und Füßchen, aber bosonders das Lächeln, ein natürliches Lachen fast, mit Lebensmittelfarbe naturecht nachempfunden worden sind.

Warum sie ihr Essen dieserhalb mit uns teilen? Weil sie einerseits nach gleichgesinnter Akzeptanz suchen, nach dem Motto: die verlorene Generation sucht ihre Eier. Andererseits halten sie sich für die Vorhut einer Jugendkultur, wie sie so besonders noch nie dagewesen ist. Solange das niemand anerkennt, vertreiben sie sich die Zeit mit Ironie und Umweltfreundlichkeit.

Sie trennen Müll, und halten jeden, der es nicht tut, für ignorant. Ähnlich dem Müll, werden Weltprobleme getrennt von einander betrachtet.

Ihre Umweltfreundlichkeit setzt sich daher wie folgt zusammen: Für schlimmer als die Massentiertierhaltung hält der Hipper die Überfischung der Meere. Den Kampf für die Rechte der Frau unterstützt er zwar grundsätzlich, hält es aber für wichtiger, erst mal die Kinder zu retten. Die Bild hält er nicht für eine richtige Zeitung, liest sie aber trotzdem, weil er „es lustig findet“.

Er liest sie mit viel Ironie, sich über die Dreistigkeit und Dummheit der Zeitung amüsierend. 80% des Bildzeitungsumsatzes sind ironisch zu verstehen. Das Geld, das man dem Axel aufs Konto schiebt, ist nicht ernst gemeint, man kann es daher jederzeit wieder zurücknehmen. – Ist doch wahr!

Die Hippe wird zudem daran erkenntlich, dass sie Serien auf Pro7 schaut, in deren Mittelpunkt Frauen um die 30 stehen, deren Freundinnen allesamt heiraten und schwanger sind. Die Protagonistin um die 30 aber hat nicht mal einen festen Freund, geschweige denn einen festen Verlobten, geschweige denn festen Stuhl … Verzeihung … meint, Braten in der Röhre. Aus diesem Konflikt der magischen Zahl 30 und Familienplanungszwang lässt sich etwas hübschsüßliches stricken, das den Humornerv der zuschauenden Hippe trifft. – Hahaha, lacht sie dann, das stimmt, genauso ist es, ich bin auch um die 30 (+-10).

Der Hipper geht gern bei REWE einkaufen, oder bei EDEKA. Dort findet er all die Marken, die ihn von Kindheit an begleiten: Kinderschokolade, Coca Cola, Miracoli, Bifi, Chio oder Funny Frisch Chips und Danone. All das hält der hippende Konsument für „Kult“. Und natürlich glaubt der REWE-Individualist an die medizinische Wirksamkeit von Actimel und Activia. Er ist schließlich auch überzeugt, dass Katzen Whiskas kaufen würden.

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3 Responses to “Hippende Menschen”

  1. 1 phantadu

    Röhrljeans? … hm, hab ich gerade an… und neulich nannte mich ein junger Mann auch noch hip! 😦 Schreck lass nach: Bin ich etwa auch ein Individualist? Pfui, bäh, nee, igitt, ich will nicht. Doch puuh, bei genauerer Untersuchung: keine Eier in Sicht! 😀

    • Ich kenne dich, du hast sehr wohl Eier. Aber andere. :mrgreen:

      • 3 phantadu

        Ṕhh! Unsinn. Ich kann gar keine Anflüge von Individualismus, also Eier haben, weil ich weder Kinderschokolade, Coca Cola, Miracoli, Bifi, Chio, Funny Frisch Chips noch Danone auftische. So! Gell, da fällt dir nix mehr ein? Und nun muss ich zum Psychiater und mich wegen meiner ausufernden Normopathie behandeln lassen. Ich will Pillen, die wie Smarties aussehen… schön bunt. Das ist gerade unter uns Nichtindividualisten sehr trendy… und um die Therapie aktiv zu unterstützen, verpass ich meiner Sojawurst heute abend ein Gesicht! Am besten mit einer Bionussnougatcreme…. 😉


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