Keine Zeit für Arbeit

07Nov14

Manche Verschwörungstheorien besagen, dass tägliches Arbeiten nur dazu dient, den Menschen vom eigentlichen Sinn des Lebens abzulenken: Sex und Kekse. Nach 15 Jahren der Arbeit in einer Agentur, der Hurerei mit Freiern, die sich euphemistisch Kunden nennen, all den schlaflos verblödeten Nächten und zu früh losschreienden Weckern, Übernächtigungen in zweitklassigen Hotels und Schwarzwaldsackgassenwirtshäusern, all der gut vorgemachten guten Laune und schließlich dem ganz allgemeinen Überdruss, habe ich gekündigt.

In anderthalb Monaten, Mitte Dezember, wird die Kündigung wirksam. Was dann kommt, ist hoffentlich ein 24- bis 60-monatiger Urlaub. Der neuhochdeutsche Vollpfostenvolksmund nennt es Sabbatical. Ich bin unzufrieden mit diesem Wort. Es ist erstens hässlich, und zweitens beschreibt es nicht annähernd das, was ich im Sinn habe. Dennoch wird es mir von meinen Mitmenschen oft ans Ohr gelegt. Was tun in den Sabbatjahren?

Was für mich als Beschäftigung infrage kommt, klingt wie ein Klischee. Das einzige, was ich nicht ausprobieren möchte, ist Rosenzüchten. Vorgenommen habe ich mir nichts weniger als eine Reinigung des Lebens von der Abhängigkeit. Von allem etwas weniger, außer Liebe. Weniger Konsum, weniger monatliche Ausgaben für Luxusgüter wie Kleidung und Elektronikgerätschaft. Mehr Geld für Essen und Reisen. Mehr Golfen, mehr Radfahren, mehr Skifahren, mehr Küssen. Aufs Küssen freue ich mich am meisten. Das Radfahren muss ich erst noch erlernen. Regelmäßiges Radfahren, 10-50 km-Touren, daran muss ich mich gewöhnen.

Anfangs werde ich mich zwingen müssen. Danach, so sagte man mir, wenn mein Körper begriffen habe, was ein Radfahrers High sei, bliebe ich hängen, wie ein Junkie auf Methadon. Sollte ich das Gute des Radelns niemals begreifen, werde ich aufs Schwimmen umsteigen. Frühmorgens, ca. um 11:30, löse ich die Schicht der frühschwimmenden Rentner im Bickendorfer oder Ehrenfelder Schwimmbad ab. Zum Zeichen des Schichtwechsels highfiven wir uns unter der Dusche. Vielleicht erkläre ich auch das zentralgelegene Agrippa-Bad zu meinem Heimatpool, dort kann man sein Gehänge offen in die Sonne legen. Für das geistige Sixpack werden Lesen, fürs seelische Wohlergehen Lieben, Bäume pflanzen und Faulenzen herangezogen.

Kein Termindruck, wenige Verpflichtungen, mehr Zeit für alles. Keine Zeit für Arbeit. Dem Leser brennen sicherlich Fragen auf der Zunge: Wie macht man das? Wie finanziert man den krassen Shit? Kann ich das auch? Ich will versuchen, diese Fragen zu löschen. Eine Antwort vorweg: Ja, du kannst es auch. Es gibt einige einfache Konzepte, die einen Ausstieg ermöglichen. Einige davon werde ich skizzieren.

    1. Habe viel Geld
    2. Habe ein Weib mit viel Geld
    3. Habe eine Frau, die zwar wenig Geld hat, aber bereit ist, dich durchzufüttern, und wenn sie dafür zusätzlich kellnern gehen müsste
    4. Zieh wieder bei deiner Mutter ein

Ohne große Umschweife empfehle ich das Konzept Nr. 1. Es ist am schwierigsten umzusetzen, hat aber den Charme, dass du deine Mutter nicht jeden Tag sehen musst. Ich persönlich habe mich für die Möglichkeit Numero 5 entschieden. Die geheimnisumwobene Option Nr. 5. Uuuuhuhuhuuuh. (Nebelschwaden wabern übers Rheinauenland. Ein geheimnisvoller Reiter zügelt sein Pferd, kotzt trunkverblödet ins Innere seiner Ritterrüstung. Eine gerettete Prinzessin pinkelt, auf der Wiese stehend, auf ein Spinnennetz, kichert vor Glück und noch aktivem Koks, das sie von der Feier anlässlich ihrer Rettung im Blut ihres Kopfes hat. Ich stehe am Waldesrande wie ein Waldgeist, rauche eine Zigarette, ein Baum legt mir freundschaftlich einen Ast auf die Schulter. Dabei durchbricht ein Knarzen die Stille nach dem Kotzen. Der Baum tut so als ob er sich was verknackst hätte. Doch ich weiß, dass das Knarzen ein Baumfurz war. Baumfürze riechen nach glücklichen Menschen. Mittlerweile kenne ich diesen Geruch ganz gut.)

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2 Responses to “Keine Zeit für Arbeit”

  1. 1 Emily

    Hohohoooohooo…was für ein Antritt, lieber Herr Wirr und herzlichen Glückwunsch zu diesem neuen, deinem Weg. Finde ich ja sehr cool. Du hättest endlich Zeit die Krippengeschichte zu Ende zu schreiben. Ich warte schon sooo viele Monde darauf! Würde bestimmt auch die Urlaubskasse aufhübschen!
    Gegen 11.30 Uhr tauchen übringens die Grundschüler im Schwimmbad auf. Die sind nicht so entspannt, wie die Rentner. Die verteidigen „nur“ „ihre“ Bahn. Die Kids treten auch seitlich.
    Ach ja, ich schätze, du wirst berichten und ich freue mich schon darauf.
    In diesem Sinne, genieße die letzten Tage an deinem Schreibholz und bis denne, die Emily

    • Danke für den Hinweis mit den Grunschülern. \o/
      Merke, ich muss noch viel lernen.

      Hoffe, dass ich im nächsten Jahr tatsächlich dazu komme, mehr zu schreiben. Bzw. überhaupt zu schreiben.


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