Der Tag, an dem Lothar Matthäus weinte

16Jun15

Zwei junge Mütter schoben und polterten ihre Zwillingswagen durch die Tür eines Straßencafes. Die zahlreichen Gäste blickten besorgt aber wohlwollend gegen den zu eng erscheinenden Türrahmen des zu eng erscheinenden Cafes; wenn alle näher zusammenrückten und man eine Kellnerin entließe, würde es schon gehen.

Ein überfahrenes Hündchen jaulte auf, winselnd verkroch es sich unter den Stuhl des Hündchenbesitzers. Teetassen schepperten, brachen aber zum Glück nicht, als Kinderwagen an Tische eckten. Schließlich fand man Platz für die Wagen vor der Toilettentür. Die jungen Mütter ließen sich nieder, die Gesprächs- und Kaffeetrink-Geräusche setzten wieder ein. Es war als ob die Menschen zuvor die Luft angehalten hätten, um den Knopf einer zu engen Hose zu schließen.

„Gut, und selbst?“
„Ich war mit Bengt Hagen gestern beim Heilpraktiker. Er hat die Nacht davor geschnarcht. Und tatsächlich, die Mandeln waren gerötet.“
„Der Arme.“
„Ja, aber jetzt hat er die Globulis bekommen. Alles wird gut.“

Der zweijährige Bengt Hagen kam unterm Tisch hervor, streckte seine Hand nach einer Tasse auf dem Tisch.
„Da ist Minze drin.“, sagte seine Mama. Bengt Hagen gab Quengellaute des Protests von sich, sah jedoch weitestgehend seinen Fehlgriff ein und verschwand wieder unterm Tisch.

„Torsten Olaf will auch immer Globulis, wenn Bengt Hagen welche bekommt.“, die Mutter lachte. „Sie sind so süß, wollen immer alles gleich haben.“
„Hahaha, das kenn ich!“
„Natürlich darf er Bengt Hagens Globulis nicht haben. Hahaha.“
„Dann gibt’s Theater, oder?“
„Nein. Er hat eigene Globulis gegen solche Wünsche.“
„Es schadet ja nichts.“
„Globulis schaden nichts.“

Bengt kam erneut unterm Tisch hervor, kletterte auf Mamas Schoß und griff zielsicher nach dem Minztee.
„Mama hat doch gesagt, da ist Minze drin!“, sie schob die Tasse weiter weg und entließ Bengt Hagen unter den Tisch.

„Wieso darf er keine Minze haben?“, fragte die Mutter die Mutter.
„Moment. – Bengt Hagen, komm mal wieder her.“, sie hob ihren Sohn hoch und roch an seinem Popo. „Also du bist es nicht.“
„Ich riech nichts.“, sagte die Mutter mit noch geweiteten Nasenflügeln.
Sie drehten ihre Köpfe nach der Toilettentür, wo die Kinderwagen standen, in denen zwei Babyzwillinge und ein zweijähriger Torsten Olaf schliefen.
„Es kommt von da.“
„Jetzt riech ich’s auch.“
„Minze hebt die Wirkung der Globulis auf.“

Am Nebentisch hatte ein älterer Herr, der in Begleitung einer jungen Dame war, gerade die Rechnung bezahlt. Er stand auf, wandte sich den Müttern zu – zur Überraschung von Bengt Hagen, handelte es sich um Lothar Matthäus – und schrie sie an:
„Globuli! Es heißt Globuli! Globuli ist bereits die Pluralform! Oder sagen Sie auch „die Kügelchens“? Selbst ich weiß das, und ich habe noch nie Globuli geschluckt! – Und natürlich schaden Globuli Ihren Kindern! Sie wachsen in einer Welt auf, in der man nur eine Pille zu nehmen braucht, damit es einem wieder gut gehe!“

Am Nebentisch von Lothar Matthäus hatte ein Longboardfahrer seine Rechnung bezahlt, er wandte sich nun mit lauter Stimme Herrn Matthäus zu:
„Was ich dir schon immer sagen wollte, Matthäus: Du bist der dümmste Fußballer der Weltgeschichte, sogar noch dümmer als Uwe Seeler! Nur damit du es weißt, du Ficker!“, er packte sein Longboard und quetschte sich zwischen den Zuschauertischen Richtung Ausgang.

Am Nachbartisch des Longboardfahrers flüsterte ein junger Mann vor sich hin: „Scheißhipsterlongboardfahrer.“ Und dann: „Ich muss noch die Rechnung bezahlen.“

Die vier Kinder, Bengt Hagen, Torsten Olaf, Pia-Liina und Tara-Moon, schrien aus vollen Windeln nach mehr Ruhe im Raum. Lothar Matthäus kullerte eine Träne über die Wange. Vor diesem Tag hatte er sich immer gefürchtet.

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