Frida Kahlo in blond

30Nov15

Im LuxExpress Tallinn-Riga sitzt die junge Frida Kahlo in blond. Sie trinkt ihren 3. Kaffee und tippt ihre 100. Nachricht ins WhatEver. Obwohl ich nüchtern bin, fühle ich mich ihr gegenüber verpflichtet. Zu schön ist ihre blonde Monobraue, zu viele Smilies habe ich sie eintippen sehen, die kunstfertigen Gemälden gleich, ihren Empfänger verzücken mussten. Hoffentlich erweist sich der Empfänger der Nachrichtenkunst als würdig. Ich beneide ihn.

Ich stehe von meinem Platz auf und gehe über den Mittelgang des voll besetzten Busses zum Fahrer, ergreife das Mikrophon. „Test … eins, zwei … machen Sie bitte das Mikrophon an … danke.“ Ich räuspere mich.

„Liebe Gäste, wir haben uns zufällig hier versammelt, in diesem schönen Bus von Tallinn nach Riga! Der Kaffee ist frei, ebenso das Internet. Wir genießen allen erdenklichen Luxus einer internationalen Busverbindung. Doch weiß ich nicht, ob es Ihnen aufgefallen ist, aber, wie es ein weiterer Zufall wollte, haben wir heute einen besonderen Gast unter uns. Bitte schauen Sie in Richtung des Platzes Nr. 9!

Sie sehen richtig, meine Damen und Herren. Es ist mir eine Ehre, im selben Bus mit dieser besonderen Frau zu fahren. Meine Damen und Herren, bitte begrüßen Sie die junge Frida Kahlo in blond!“

Ein älterer Herr schaut grimm. Ich sehe mich gezwungen, weiter auszuführen.

„Nicht nur, dass sie unseren Bus Dank ihrer künstlerisch wertvollen Aura von bösen Geistern frei hält. Sie hat in einem beispiellos kreativen Erguss zwei Stunden am Stück Texte geschrieben, die mit Zierde geschmackvoll arrangiert wurden. Niemand von uns wäre in der Lage gewesen, zwei Mal so viele Smilies zu verwenden wie Worte, um damit etwa das achtfache zu sagen, was ein Text ohne die kunstvollen Grinsis zu beinhalten pflegt. Es ist ein Kunststück, das nur Auserwählte zu vollbringen vermögen. Eines Tages werden die Smilies dieser jungen Frida Kahlo in blond eingerahmt in Museen für Modernde Kunst hängen und vielen kunstsinnigen Menschen zum inwendigen Glück verhelfen. Aber auch die Geldanleger werden ihre Freude an ihr haben; unvorstellbar, dass ihre Werke jemals nicht an Wert zunähmen. Ich durfte zwei Stunden lang einem Schaffensprozess beiwohnen, der mich restlos verzückt und in einen Kunstverliebten verwandelt hat. Rufen wir der jungen Frau, diesem fruchtbaren Mütterchen Kunst, zu: Hurra, hurra, hurra!“

Mit großen Augäpfeln und einer finster hängenden Braue blickt mir Frida Kahlo in blond in meine mit Tränen doppelverglasten Augen.

„Speak English, please!“, sagt sie.
„Yes, would be nice. Thank you in advance.“, sagen andere.
Der Busfahrer nimmt mir das Mikro aus der Hand. Durch den Schnurrbart murmelt er ins Mikro: „Final stop: Riga bus station.“

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